Wer nach Magdeburg fährt, hat meistens den Dom im Kopf. Das ist verständlich, denn der erste gotische Dom auf deutschem Boden ist tatsächlich beeindruckend. Aber wer nach dem Besuch im Domgarten kehrtmacht, verpasst eine Stadt, die deutlich mehr Substanz hat, als ihr Ruf vermuten lässt. Magdeburg ist eine der ältesten Städte Deutschlands, war Lieblingsresidenz Ottos des Großen und wurde im Dreißigjährigen Krieg fast vollständig ausgelöscht. Was heute zu sehen ist, spiegelt all das wider: Brüche, Wiederaufbau, überraschende Schönheit.
Das Kloster Unser Lieben Frauen und die Kunstszene der Stadt
Wenige Gehminuten vom Dom entfernt steht das Kloster Unser Lieben Frauen, ein romanisches Ensemble aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Es ist eines der am besten erhaltenen romanischen Klöster in Norddeutschland und heute als Kunstmuseum genutzt. Im Innenhof finden regelmäßig Konzerte statt, das Programm reicht von Klassik bis zu zeitgenössischen Klanginstallationen. Der Eintritt ins Museum kostet regulär 5 Euro, Kinder bis 18 Jahre zahlen nichts.
Wer sich für Gegenwartskunst interessiert, sollte auch das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen nicht mit dem benachbarten Kulturhistorischen Museum verwechseln, das wiederum die stadtgeschichtliche Sammlung beherbergt. Beide Häuser liegen fußläufig zueinander und lassen sich gut an einem halben Tag kombinieren.
Die Elbe als Freizeitraum
Magdeburg liegt direkt an der Elbe, und das merkt man, sobald man die Altstadt in Richtung Westen verlässt. Der Elbauenpark entstand zur Bundesgartenschau 1999 und umfasst rund 100 Hektar Grünfläche auf beiden Ufern. Das Jahrtausendturm genannte Wahrzeichen des Parks ist mit 60 Metern Höhe begehbar und zeigt eine permanente Ausstellung zur Geschichte der Menschheit, von der Steinzeit bis zur Gegenwart, gegliedert in verschiedene Zeitepochen.
Radfahrer kommen auf dem Elberadweg auf ihre Kosten. Der Abschnitt durch Magdeburg ist gut ausgebaut und führt unter anderem am Herrenkrug vorbei, einem Landschaftspark aus dem 19. Jahrhundert, der zum Spazierengehen einlädt. Im Sommer legen hier Ausflugsdampfer ab, die Rundfahrten auf der Elbe anbieten.
Gründerzeit, Bauhaus und DDR-Moderne: Die Architektur der Stadt
Magdeburg war nach dem Zweiten Weltkrieg zu etwa 90 Prozent zerstört. Der Wiederaufbau der DDR-Jahre hat der Stadt ein Gesicht gegeben, das polarisiert: breite Magistralen, Plattenbau-Quartiere, aber auch sorgfältig restaurierte Gründerzeitzeilen in Stadtteilen wie der Sudenburg oder dem Stadtfeld. Wer Architektur als Spiegel der Geschichte liest, findet hier ungewöhnlich viel Material auf engem Raum.
Besonders interessant ist die Situation rund um den Alten Markt, wo neben dem Rathaus (das selbst ein Nachkriegsbau ist) das sogenannte Magdeburger Reiterstandbild steht, eine Kopie des ältesten weltlichen Reiterstandbildes nördlich der Alpen. Das Original befindet sich im Kulturhistorischen Museum und ist dort kostenlos im Rahmen der Dauerausstellung zu sehen. Wer sich vorab einen Überblick über Magdeburg und seine Sehenswürdigkeiten verschaffen möchte, findet online gut strukturierte Orientierungshilfen nach Stadtteilen und Themen.
Die Grüne Zitadelle: Hundertwasser in der Innenstadt
Mitten in der Innenstadt steht ein Gebäude, das man nicht übersieht: Die Grüne Zitadelle, entworfen von Friedensreich Hundertwasser und 2005 fertiggestellt, kurz nach seinem Tod. Es ist sein letztes großes Bauprojekt und das einzige in Ostdeutschland. Die unregelmäßigen Fassaden, begrünten Dachterrassen und farbigen Keramikelemente ziehen täglich Besucher an. Im Erdgeschoss gibt es Cafés und Geschäfte, Führungen durch das Gebäude werden mehrmals täglich angeboten und kosten etwa 7,50 Euro.
Interessant ist der Kontrast zur Umgebung: Unmittelbar daneben stehen sachliche Nachkriegsbauten und Kaufhäuser. Dieses Nebeneinander ist typisch für Magdeburg und macht Stadtspaziergänge hier kurzweiliger, als man erwarten würde.
Stadtteile, die sich lohnen
Sudenburg und Buckau sind zwei Stadtteile, die in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen haben. Buckau liegt südlich der Altstadt direkt an der Elbe und war einmal das industrielle Herz der Stadt. In den alten Fabrikgebäuden haben sich Ateliers, Konzertlocations und kleinere Gastronomiebetriebe eingerichtet. Die Messe und das Science Center Experimenta befinden sich ebenfalls in diesem Bereich.
Die Sudenburg punktet mit einer dichten Gründerzeitstruktur, inhabergeführten Läden und einer entspannten Gastronomie ohne Touristenzuschlag. Wer hier frühstückt oder zu Mittag isst, ist unter Magdeburgern.
Praktische Hinweise für den Besuch
- Anreise: Magdeburg liegt rund 80 Kilometer westlich von Berlin, ICE-Verbindung in etwa 80 Minuten.
- Unterkunft: Das Angebot reicht von Boutique-Hotels in der Altstadt bis zu Kettenhotels am Hauptbahnhof, Preise sind im Vergleich zu Berlin oder Hamburg moderat.
- Museumscard: Die Magdeburg Card kombiniert ÖPNV-Nutzung mit freiem Eintritt in mehrere Museen, ab 12 Euro für 24 Stunden.
- Beste Reisezeit: Mai bis September für Elbpromenade und Außengastronomie, Advent für den Weihnachtsmarkt rund um den Dom.
- Fußläufige Altstadt: Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Innenstadt liegen innerhalb eines Radius von etwa 1,5 Kilometern.
Fazit: Eine Stadt, die unterschätzt wird
Magdeburg taucht in keinem der üblichen Listen der beliebtesten deutschen Städteziele weit oben auf. Das ist ein Vorteil. Wer kommt, trifft auf gut zugängliche Museen ohne Schlangen, eine Altstadt ohne Souvenirfallen im großen Stil und eine Gastronomie, die sich überwiegend an Einheimischen orientiert. Die Kombination aus mittelalterlicher Geschichte, DDR-Architektur, Elbenatur und zeitgenössischer Kultur ergibt ein Profil, das einzigartig ist. Zwei volle Tage sind das Minimum, um einen fairen Eindruck zu bekommen. Drei sind besser.


