Wer in Deutschland umzieht, denkt an Ummeldung, Möbeltransport und neue Nachbarn. Dass der neue Wohnort auch den Strompreis verändert, fällt den meisten erst auf, wenn die erste Jahresabrechnung ins Haus flattert. Dabei können die Unterschiede zwischen Regionen mehrere Hundert Euro im Jahr ausmachen, und das bei identischem Verbrauch.
Netzentgelte: Der unsichtbare Preistreiber
Der Strompreis setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen: Beschaffungskosten, Steuern und Abgaben sowie Netzentgelte. Letztere sind regional vollständig unterschiedlich, weil jede Gemeinde an ein bestimmtes Verteilnetz angeschlossen ist, das von einem lokalen Netzbetreiber betrieben wird. Diese Betreiber finanzieren Wartung, Ausbau und Betrieb ihrer Infrastruktur über die Netzentgelte, die jeder Haushalt zahlt. In dünn besiedelten Gegenden wie Teilen von Mecklenburg-Vorpommern oder der Uckermark verteilen sich diese Kosten auf deutlich weniger Schultern als etwa im Ruhrgebiet oder in München.
Das Bundesnetzagentur veröffentlicht jährlich die genehmigten Netzentgelte aller Netzbetreiber. Die Spreizung ist beträchtlich: Haushalte in manchen ländlichen Regionen Ostdeutschlands zahlen beim Netzentgelt mehr als das Doppelte im Vergleich zu Haushalten in städtischen Ballungsräumen. Da dieser Posten je nach Region 20 bis 30 Prozent des Gesamtstrompreises ausmacht, schlägt er unmittelbar auf die Jahresrechnung durch.
Erneuerbare Energien: Fluch und Segen zugleich
Windkraft und Solarenergie sind geografisch ungleich verteilt. Norddeutschland erzeugt durch Windkraft weit mehr Strom, als die Region selbst verbraucht. Das klingt zunächst nach einem Vorteil für die dortigen Haushalte, ist aber komplizierter. Der erzeugte Strom muss über weite Leitungen in den Süden und Westen transportiert werden, und dieser Transportaufwand kostet. Gleichzeitig müssen Netzbetreiber in windreichen Regionen mehr in Netzstabilisierung und Abschaltmaßnahmen investieren, wenn zu viel Strom ins Netz fließt.
Das Umweltbundesamt dokumentiert regelmäßig den Ausbaustand erneuerbarer Energien je Bundesland. Interessant dabei: Bundesländer mit hohem Anteil erneuerbarer Erzeugung sind nicht automatisch die mit den günstigsten Haushaltsstrompreisen. Sachsen-Anhalt etwa gehört zu den führenden Windstromländern, hat aber gleichzeitig überdurchschnittliche Netzentgelte.
Was ein PLZ-Vergleich konkret zeigt
Wer verstehen will, wie stark sein eigener Wohnort den Preis beeinflusst, kommt um einen direkten Vergleich nicht herum. Über PLZ-genaue Strompreise lässt sich nachvollziehen, welche Grundversorger und alternativen Tarife an der eigenen Adresse tatsächlich verfügbar sind und was sie im Vergleich zu anderen Postleitzahlen kosten. Selbst innerhalb desselben Landkreises können benachbarte Gemeinden zu unterschiedlichen Netzbetreibern gehören und damit deutlich verschiedene Preisstrukturen haben.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Musterhaushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch zahlt in einem günstigen Netzgebiet in Oberbayern rund 1.050 Euro, in einem teuren ländlichen Gebiet in Brandenburg kann die Grundversorger-Rechnung schnell auf 1.350 Euro oder mehr steigen. Das ist eine Differenz von fast 300 Euro allein durch den Wohnort, ohne dass der Haushalt sich anders verhält.
Grundversorgung versus Wechseltarif
Wer neu in eine Gemeinde zieht und keinen Vertrag abschließt, landet automatisch beim örtlichen Grundversorger. Dieser ist gesetzlich zur Versorgung verpflichtet, darf aber die teuersten Tarife im lokalen Markt anbieten. Laut Statistischem Bundesamt zahlten Haushalte in der Grundversorgung zuletzt im Schnitt etwa 20 bis 25 Prozent mehr als Kunden mit einem aktiv gewählten Wechseltarif beim gleichen oder einem anderen Anbieter.
Die gute Nachricht: Auch wer in einem teuren Netzgebiet wohnt, kann beim Arbeitspreis und Grundpreis durch einen Tarifwechsel sparen. Die Netzentgelte zahlt man zwar immer, egal bei welchem Anbieter, aber Beschaffungskosten und Marge des Lieferanten sind verhandelbar. In vielen Regionen gibt es neben dem Grundversorger fünf bis fünfzehn weitere Anbieter, die deutlich günstigere Konditionen bieten.
Typische Preisbestandteile im Überblick
| Komponente | Anteil am Strompreis (ca.) | Regional variabel? |
|---|---|---|
| Netzentgelte inkl. Messung | 20 bis 30 % | Ja, stark |
| Steuern und Abgaben | 25 bis 35 % | Teilweise |
| Beschaffung und Vertrieb | 35 bis 45 % | Ja, durch Tarifwahl |
Stadtrand versus Dorf: Die Faustregel stimmt nur halb
Verbraucher gehen häufig davon aus, dass Großstädte teurer sind als das Umland. Bei Mieten stimmt das oft. Beim Strom gilt die Regel nicht. Städtische Netze sind dichter, effizienter und günstiger zu betreiben als weitverzweigte ländliche Leitungsnetze. Gleichzeitig bieten Großstädte mehr Wettbewerb unter Stromanbietern, was die Preise zusätzlich drückt.
Ein kleines Dorf mit 800 Einwohnern in Vorpommern hat oft nur einen realistischen Grundversorger, kaum Wettbewerb und ein aufwendig zu betreibendes Netz. Die Konsequenz ist eine höhere Netzentgeltbelastung, die sich direkt in der Jahresrechnung niederschlägt. Das ist keine Benachteiligung durch den Anbieter, sondern Ergebnis der Siedlungsstruktur, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat.
Was sich politisch tut und was bleibt
Seit Jahren wird über eine Vereinheitlichung der Netzentgelte diskutiert, zuletzt intensiv im Kontext der Energiewende. Das Argument: Wer zufällig in einer windreichen Region lebt und damit zur nationalen Energiewende beiträgt, sollte nicht automatisch höhere Netzkosten tragen. Eine vollständige Angleichung gibt es bisher nicht, aber seit 2023 werden die Übertragungsnetzentgelte bundesweit einheitlich erhoben, was einen Teil der Ungleichheit abgemildert hat.
Für die Verteilnetzentgelte, also die letzte Meile bis ins Haus, bleibt die regionale Spreizung jedoch bestehen. Haushalte in strukturschwachen Gebieten werden also auf absehbare Zeit höhere Netzkosten tragen. Das macht eine regelmäßige Prüfung des eigenen Tarifs umso wichtiger, weil es der einzige Hebel ist, den Verbraucher tatsächlich selbst in der Hand haben.
Wer seinen Stromvertrag zuletzt vor drei oder mehr Jahren abgeschlossen oder noch nie aktiv gewechselt hat, zahlt in vielen Fällen deutlich mehr als nötig. Ein Blick auf die eigene Jahresabrechnung, kombiniert mit einem aktuellen Vergleich für die eigene Postleitzahl, ist der erste konkrete Schritt, um das zu ändern.


