Deutschland gilt als Brotland. Über 3.000 eingetragene Brotsorten führt das Deutsche Brotinstitut in seiner Datenbank, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, greifen immer mehr Menschen wieder selbst zum Mehlsack. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Statista aus dem Jahr 2023 backen rund 18 Prozent der deutschen Haushalte regelmäßig ihr eigenes Brot. Das ist mehr als doppelt so viel wie noch 2015.
Was hinter dem Trend steckt
Die Gründe sind vielfältig und selten monokausal. Ein Teil der Erklärung liegt in der Pandemie: Als Läden schlossen und Mehl plötzlich in den Supermarktregalen knapp wurde, begannen Hunderttausende zum ersten Mal, selbst zu backen. Hefe war wochenlang ausverkauft. Aber anders als viele andere Lockdown-Hobbys hat das Brotbacken offenbar einen dauerhaften Platz im Alltag gefunden.
Hinzu kommt der Preisdruck. Ein handwerklich gebackenes Sauerteigbrot beim Bäcker kostet heute je nach Region zwischen fünf und acht Euro. Wer es selbst backt, kommt mit Zutaten auf etwa 80 Cent bis einen Euro pro Laib. Selbst wenn man Energie- und Zeitkosten einrechnet, bleibt ein deutlicher finanzieller Vorteil. Für Familien mit hohem Brotverbrauch summiert sich das im Jahr auf mehrere Hundert Euro.
Die Zutaten, die wirklich zählen
Handwerklich gutes Brot braucht keine Brotbackmaschine und kein teures Equipment. Im Kern reichen vier Zutaten: Mehl, Wasser, Salz und ein Triebmittel, also Hefe oder Sauerteig. Was die Qualität entscheidet, ist das Verhältnis dieser Zutaten zueinander und die Zeit, die man dem Teig gibt.
Roggenvollkornmehl ist die Grundlage vieler klassisch deutschen Brote. Für Einsteiger empfiehlt sich ein einfaches Mischbrot aus 60 Prozent Roggen- und 40 Prozent Weizenmehl. Der Teig ist toleranter als reiner Weizenteig, verzeiht Fehler beim Kneten und braucht keine aufwendige Falttechnik. Wer dann Ehrgeiz entwickelt, kann sich zum Emmer, Einkorn oder gar zu alten Landsortenmehlen vorarbeiten, die heute wieder über Mühlen direkt bezogen werden können.
Sauerteig als Herzstück
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Sauerteig. Was früher in jeder Landbäckerei selbstverständlich war, erlebt heute eine Renaissance in Stadtküchen. Ein Sauerteigansatz, der sogenannte Starter, besteht aus nichts weiter als Mehl und Wasser, in das wilde Hefen und Milchsäurebakterien aus der Umgebungsluft einwandern. Täglich gefüttert, bleibt er theoretisch Jahrzehnte aktiv.
Online-Communities rund um das Thema Brot backen verzeichnen seit 2020 stark wachsende Mitgliederzahlen, und viele Teilnehmer berichten, dass sie ihren Sauerteigstarter weitergeben wie eine Art Familienerbstück. Das klingt nach Sentimentalität, hat aber eine praktische Seite: Ein gut etablierter Starter liefert zuverlässigere Triebkraft als frisch angesetzter.
Die wichtigsten Punkte beim Sauerteig im Überblick:
- Anfüttern: Täglich gleiche Teile Mehl und Wasser zugeben, alten Ansatz teilweise abnehmen
- Temperatur: 24 bis 26 Grad Celsius sind ideal, darunter arbeiten die Bakterien träge
- Reifezeichen: Der Starter sollte sich innerhalb von vier bis acht Stunden nach dem Füttern mindestens verdoppeln
- Lagerung: Im Kühlschrank hält er sich problemlos eine Woche ohne tägliche Pflege
Was Bäckereien darüber denken
Man könnte erwarten, dass Handwerksbäcker den Heimbacktrend mit Skepsis betrachten. Das Gegenteil ist oft der Fall. Viele Bäckermeister berichten, dass selbst backende Kunden anspruchsvoller werden und gezielt nach besonderen Mehlen, Saaten oder Backzutaten fragen, die sie dann im Bäckerfachhandel kaufen. Der Trend schafft also eine Art Parallelnachfrage.
Problematischer sehen die Handwerksbäcker die industrielle Konkurrenz. Aufgebackene Teiglinge aus Tiefkühlware, die in SB-Backstationen im Supermarkt landen, sind das, was ihnen das Geschäft wirklich schwer macht. Nicht der Heimbäcker, der an einem Sonntagabend einen Laib Roggensauerteig formt.
Welche Ausstattung wirklich sinnvoll ist
Wer ernsthafter backen möchte, kommt an einigen Anschaffungen kaum vorbei. Ein guter Dutch Oven, also ein gusseiserner Topf mit Deckel, ersetzt den Schwadenstoß eines Profiofens. Brot, das im geschlossenen Topf backt, erzeugt seinen eigenen Dampf und entwickelt so die typische Kruste. Ein solcher Topf kostet zwischen 40 und 120 Euro und hält Jahrzehnte.
Eine Küchenwaage ist Pflicht. Brotrezepte in Volumenmassen wie Tassen anzugeben funktioniert bei Mehl schlecht, weil das Schüttgewicht je nach Sorte und Luftfeuchtigkeit stark schwankt. Wer mit Gramm arbeitet, hat reproduzierbare Ergebnisse.
Darüber hinaus braucht es wenig. Ein Gärkorb aus Peddigrohr für etwa zehn Euro, eine Brotlame oder ein scharfes Messer zum Einschneiden, und eine digitale Kerntemperaturmessung, die zeigt, wann das Brot bei 96 bis 98 Grad innen durchgebacken ist.
| Ausstattung | Ungefährer Preis | Notwendigkeit |
|---|---|---|
| Dutch Oven (Gusseisen) | 40 bis 120 Euro | Sehr empfehlenswert |
| Digitale Küchenwaage | 10 bis 25 Euro | Notwendig |
| Gärkorb (Peddigrohr) | 8 bis 15 Euro | Hilfreich |
| Brotlame oder Rasierklinge | 2 bis 12 Euro | Empfehlenswert |
| Kerntemperaturmesser | 10 bis 20 Euro | Hilfreich |
Was das Selbstbacken verändert
Wer einmal verstanden hat, wie Brot entsteht, kauft anders ein. Der Blick auf Zutatenlisten von Supermarktbroten, in denen bis zu 30 Zutaten stehen, darunter Emulgatoren, Enzyme und Konservierungsstoffe, löst ein anderes Bewusstsein aus als jede Ernährungskampagne. Dieses Wissen entsteht durch das Backen selbst, nicht durch Aufklärung von oben.
Hinzu kommt ein Aspekt, den viele Heimbackende nennen: das haptische Erlebnis. Teig kneten, formen, die Kruste abklopfen und am Klang hören, ob das Brot hohl und damit fertig klingt, das bindet Sinne ein, die im digitalisierten Alltag kaum mehr gefragt sind. Das klingt nach einem kleinen Ausgleich. Für viele ist es genau das.
Deutschland backt wieder. Und das nicht, weil es gerade hip ist, sondern weil die Kombination aus Kostenbewusstsein, Qualitätsanspruch und dem schlichten Wunsch nach Selbstwirksamkeit echte Argumente liefert, die über jeden Trend hinausgehen.


