Wer einmal quer durch Deutschland gefahren ist, kennt das Spiel: Man schaut auf das Nummernschild des Autos vor einem und versucht, den Zulassungsbezirk zu erraten. MYK steht für Mayen-Koblenz, WOS für Wolfratshausen, HEB für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Was wie ein Ratespiel wirkt, ist tatsächlich ein komprimiertes geografisches Archiv der Bundesrepublik.
Ein System mit langer Geschichte
Das bundesweite System der Kraftfahrzeugkennzeichen geht in seinen Grundzügen auf das Jahr 1906 zurück, als das Deutsche Reich erstmals einheitliche Regelungen für Kraftfahrzeuge einführte. Das heutige Format mit Buchstaben für den Landkreis oder die kreisfreie Stadt und einer alphanumerischen Kombination dahinter wurde 1956 in Westdeutschland eingeführt. Nach der Wiedervereinigung wurden ab 1991 auch die ostdeutschen Kreise integriert, was das System um Hunderte neuer Kürzel erweiterte.
Heute gibt es in Deutschland rund 440 gültige Unterscheidungszeichen. Hinzu kommen seit 2012 die wiedereingeführten Altkennzeichen: Kreise, die durch Gebietsreformen aufgelöst worden waren, durften ihre historischen Kürzel zurückfordern. Seitdem wachsen die Tabellen wieder, weil viele Landkreise die Möglichkeit genutzt haben. Das Kürzel OPP für Oppenheim ist so ein Beispiel, oder GRA für Grafenau im Bayerischen Wald.
Was das Kürzel über die Region erzählt
Wer aufmerksam liest, entdeckt in den Kürzeln regionale Identität. BGL steht für Berchtesgadener Land, NOR für Nordfriesland, MSP für Main-Spessart. Die Buchstaben sind keine willkürlichen Abkürzungen, sondern leiten sich direkt aus dem Namen des Kreises oder der Stadt ab. Manchmal ist es der erste Buchstabe des Stadtnamens, manchmal die Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter.
Besonders deutlich wird das Muster in Ballungsräumen. München trägt schlicht M, Hamburg HH (Hansestadt Hamburg), Berlin B. Wer mit einem Frankfurter Auto unterwegs ist, hat F auf dem Schild. Die Kürzel der Großstädte sind kurz und eindeutig, weil sie früh vergeben wurden, als noch kaum Konkurrenz bestand.
Reiseerinnerung zum Mitnehmen
Für viele Reisende sind Nummernschilder längst zu einer Art Souvenir geworden, nicht im wörtlichen Sinne, aber als Motiv. Fotografien von Kennzeichen vor markanten Landschaften, Fundstücke auf Flohmärkten, Miniaturnachbildungen aus Blech: Der Markt für Kennzeichen-Memorabilia ist erstaunlich groß. Wer wissen will, welche Kürzel zu welchem Ort gehören oder ob ein altes Schild aus dem Keller noch einer existierenden Verwaltungseinheit entspricht, kann das heute schnell nachschlagen. Auf Plattformen wie KFZ Kennzeichen lassen sich Kürzel direkt dem Zulassungsbezirk zuordnen, was bei älteren Schildern mit aufgelösten Kreisen besonders praktisch ist.
Das erklärt auch, warum Nummernschilder bei Antiquitätenhändlern und auf Ebay teils für beachtliche Summen gehandelt werden. Ein altes Schild mit dem Kürzel STB für Starnberg (das heute STA lautet) oder DGF für Dingolfing-Landau weckt bei Sammlern echtes Interesse.
Regionale Identität und politischer Streit
Die Wiedereinführung alter Kennzeichen war kein technischer Vorgang, sondern oft ein politischer. Viele Landkreise haben nach der Gebietsreform der 1970er Jahre ihre historischen Kürzel verloren und die Rückkehr mit Nachdruck betrieben. Der Landkreis Weilheim-Schongau etwa kämpfte jahrelang um die Wiedereinführung von SOG für Schongau. Der Bayerische Landtag und der Bundesrat mussten sich mit dem Thema befassen, bevor die Freigabe 2012 bundesweit kam.
Hinter diesen Debatten steht ein reales Phänomen: Menschen identifizieren sich mit ihrem Herkunftskürzel. In Oberbayern, im Sauerland oder in Mecklenburg ist das Nummernschild Teil des lokalen Selbstverständnisses. Wer ein REG-Kennzeichen für den Landkreis Regen fährt, macht damit eine Aussage über seine Zugehörigkeit zum Bayerischen Wald, nicht nur über seinen Wohnort.
Kuriositäten und Besonderheiten im System
Das System hat Lücken und Ausnahmen, die es interessant machen. Einige Kürzel wurden bewusst nicht vergeben, weil sie verfassungsfeindliche Assoziationen wecken könnten. SS, SA und HJ sind gesperrt, auch wenn es theoretisch passende Städtenamen gäbe. Der Landkreis Salzgitter trägt deshalb SZ, obwohl SA naheläge.
Andere Kürzel sind schlicht selten. LER für Leer in Ostfriesland oder WUG für Weißenburg-Gunzenhausen trifft man außerhalb der jeweiligen Heimatregion kaum. Das macht sie für Kennzeichen-Enthusiasten besonders wertvoll.
- M, B, HH, F, K: Die einbuchstabigen und zweibuchstabigen Kürzel der Großstädte gelten als begehrt und werden auch als Wunschkennzeichen nachgefragt.
- GAP für Garmisch-Partenkirchen ist ein Beispiel dafür, wie ein Kürzel durch den Tourismus überregional bekannt wird.
- OVP für Vorpommern-Greifswald zeigt, wie neue Großkreise nach der Verwaltungsreform eigene Kürzel erhalten haben.
- Fahrzeuge mit Oldtimerkennzeichen (H am Ende) aus bestimmten Regionen sind auf Oldtimertreffen beliebte Gesprächsstarter.
Das Nummernschild als stilles Reisetagebuch
Wer regelmäßig durch Deutschland fährt, entwickelt mit der Zeit ein Gespür dafür, wo welche Kürzel auftauchen. Auf der A8 zwischen München und Salzburg dominieren M, RO und BGL. Auf der A7 in Richtung Norden wird das Verhältnis nach und nach von HH, SE und PI bestimmt. Auf der A2 in Nordrhein-Westfalen wechseln BO, DO, GE und RE im Minutentakt, weil das Ruhrgebiet dicht besiedelt ist und die Kreise klein sind.
Das Beobachten dieser Muster ist kein Hobby für Nerds, sondern ein niedrigschwelliger Zugang zur Geografie des Landes. Man lernt nebenbei, dass Deutschland aus 294 Landkreisen und 107 kreisfreien Städten besteht, dass Sachsen und Bayern besonders viele kleine Verwaltungseinheiten haben und dass manche Regionen eine Geschichte der Umstrukturierungen hinter sich tragen, die sich in ihren Kennzeichen spiegelt.
Ein Nummernschild ist 52 mal 11 Zentimeter groß und kostet bei der Zulassungsstelle wenige Euro. Aber wer weiß, was er liest, hält damit ein Stück regionale Geschichte in der Hand.


